Tourenwoche mit Yoga in Obernberg am Brenner vom 22. Februar bis 28. Februar 2015

Ortschaft und Unterkunft

Die Tourenwoche mit Yoga führt uns dieses Jahr nach Obernberg, einer kleinen Gemeinde im gleichnamigen Tal, das vom Wipptal bei Gries am Brenner abzweigt. Bereits zur Bronzezeit als Alpweide genutzt, trafen die Römer 15 v. Chr. auf einen blühenden Bergbau, der im 16. Jh. aufgegeben wurde. Markanter Blickpunkt übers Dorf ist die auf einem Moränenwall stehende, spätbarocke Kirche St. Nikolaus.

In unmittelbarer Nähe steht „Almi’s Berghotel", unsere Unterkunft für die nächsten paar Tage. Laut Homepage erwartet uns das Paradies, mit grossen lärchenholzgetäferten Zimmern, einer prächtigen Sauna und einer kulinarischen Spitzenküche. In Wirklichkeit entpuppt sich das Hotel als ein Ort der Sammelleidenschaft. Alle Wände sind vollgehängt mit alten schwarz/weiss Alpinfotos, Fotos zu früherem Brauchtum, Ski und Stöcken aus allen Jahrzehnten. Über den Betten finden Jagdtrophäen Platz, die Liftwände sind dem Idol Luis Trenker gewidmet und die Pflanzen im Treppenhaus erfreuen sich einer immerblühenden Pracht. Nach einiger Angewöhnungszeit finden auch wir uns in den übervollen Räumen zurecht und geniessen die wirklich herzliche und unkomplizierte Art der Gastgeber.

Die Mahlzeiten sind eher deftig österreichisch, die Buffets verlockend und reichlich und der Wein aus dem südlichen Nachbarland mundig und süffig. Die Kalorien, die wir bei Wind und Wetter draussen verbrauchen, ersetzen wir mit Genuss bei Frühstück und Abendessen in einem gemütlichen holzgetäferten Stüberl.

Yoga

Nach den teilweise unwirtlichen Temperaturen draussen geniessen wir die Wärme des freundlichen Raumes. Zwei dicke entrindete Stämme sind markanter Blickfang. Sie tragen die ebenso dicken Querbalken des Daches. Als besonderes Element hat man die Astansätze stehen lassen.

Sofort fühlen wir uns wohl und folgen gerne den entspannenden, abwechslungsreichen Lektionen, die Schang uns nach dem Tag draussen anbietet. (Frühaufsteher können bereits vor dem Frühstück zu Ruhe und Gelassenheit finden.) Ob Atemübung, der Geist und Körper verbindet, Muskellockerungen und –dehnungen, die zu Entspannung und Regeneration führen, Umkehrhaltung oder spielerisch vermittelte Koordinationsübungen, nach Schangs Stunde fühlen sich alle wie neugeboren und die Eindrücke des Tages haben sich vertieft. Vergessen sind Wind und Wetter, kräfteraubende Aufstiege und Abfahrten, Stürze und Spitzkehren.

Gipfel und Aufstiege

Die Wetterprognosen für diese Woche sind leider nicht vielversprechend. Trotzdem bleiben wir optimistisch, als wir am Montag den Grubenkopf in Angriff nehmen. Der Weg führt dem gefrorenen Obernbergsee entlang. Die Aufstiegsspur wird steiler und führt über Kuppen und Mulden. Harscheisen werden nötig, da exponierte Stellen gefroren sind und der Wind böig bläst. Der Sturm wird stärker, als wir den abgeblasenen Ostgrat betreten. Das Geheul des Windes überdeckt alle andern Geräusche. Grosse Herausforderung ist, alles Material ohne Verluste im Rucksack zu verstauen. Vom Sturm begleitet, steigen wir zu Fuss über den steinigen Grat ab zum Grubenjoch. Erleichtert, die heikle Situation gut gemeistert zu haben, fahren wir in einer Pulverschneemulde zur nächsten Alphütte ab. Hier ist es mild, oben auf dem Gipfel stürmt es immer noch. Weiter talwärts fahrend, baut der Tourenleiter eine LVS (Lawinen Verschütteten Suchgerät) Übung ein, so dass alle wieder wissen, wie eine verschüttete Person gefunden werden kann. Der Sturmgipfel bietet auch am Abend noch regen Gesprächsstoff.

Der Dienstag soll uns auf die Allerleigrubenspitze führen. Wiederum ist es bewölkt, es schneit und ein Schäumchen Neuschnee liegt auf der Spur. Wir starten in gleicher Richtung wie gestern, halten aber vor dem See stark links. Steil und mit vielen Spitzkehren erreichen wir die Waldgrenze. Über einen breiten abgeblasenen Rücken setzen wir den Weg zum Gipfel fort. Auch hier bläst der Wind, Sicht ist gleich null, an Mittagsrast ist nicht zu denken. Die Abfahrt ist kurzweilig, teilweise wenig anspruchsvoll über ein Waldsträsschen, das ins Tal führt. Die wohlverdiente Pause geniessen wir im Gasthaus Waldesruh. Nach der Stärkung erwartet uns die Aufgabe, bei einem fingierten Lawinenabgang vier verschütteten KollegInnen zu suchen und möglichst rasch zu bergen.

Wolkenverhangen, leichter Schneefall, so zeigt sich der Mittwoch. Trotz angesagtem Ruhetag, nehmen wir für eine kurze Strecke den Bus, um talauswärts unterhalb eines Viadukts der Brennerautobahn, den Aufstieg zum Sattelberg in Angriff zu nehmen. Die Lärmimmissionen des Schwerverkehrs begleiten uns eine lange Weile. Frisch verschneit schlängelt sich der Weg gleichmässig ansteigend durch lichten Tannenwald. Fantasiegebilde, Launen der Natur, erfreuen unser Auge. Die Theorie, dass es auf dem Gipfel weniger windig ist als im Schlussanstieg, bewahrheitet sich einmal mehr nicht. Übung macht den Meister oder die Meisterin, weder Handschuh noch Fell fliegt davon, und nach einigen Metern verblasener steiniger Gipfelkuppe ohne Sicht geniesst die Gruppe die gut zu fahrenden verschneiten Pulverhänge. Einkehren tun wir auf der Sattelbergalm, wo wir uns kulinarisch verwöhnen lassen. Einige Unermüdliche ziehen frisch gestärkt nochmals los, um in den Genuss eines weiteren unverspurten Hangs mit stiebendem Pulver zu kommen.

Heute Donnerstag ist endlich schönes Wetter angesagt. Der Wetterbericht verspricht 93% Sonnenschein. Morgens um sieben gelten aber die restlichen 7%. Wetterhart ausgerüstet starten wir den Aufstieg zum Grossen Lorenzen. Zuerst auf der Forststrasse gemächlich steigend, dann breiter werdend einer Talmulde entlang, erreichen wir nach der Waldgrenze auf 1950müM eine Alphütte. Deren Grundmauern sind verformt und stellenweise herausgebrochen, der First eingeknickt, die Balken zersplittert. Sie vermochte den Schneemassen des Vorjahres nicht standzuhalten. Flott geht es hoch zum abgeblasenen Joch, dank Harscheisen ohne grössere Probleme. Die letzten Höhenmeter meistern wir zu Fuss und stehen bei Sonnenschein! bald unter dem mächtigen Gipfelkreuz. Staunend betrachten wir die Schneegebilde, die der orkanartige Wind an Gipfelkreuz und Staatsgrenztafel geschaffen hat. Wir überraschen unser Geburtstagskind mit einem mehrstimmigen Happy Birthday. Die Abfahrt zurück zum Sattel ist Genuss pur und verlockt zu einigen Jauchzern. Auf einer längeren Wegpassage finden wir zurück in Almi’s Berghotel und löschen den Durst grad subito in der Gaststube.

Der letzte Tag unserer Woche bringt wettermässig gar nichts Neues. Der Fradersteller ist angesagt. Tierspuren und Wasseramseln begleiten uns dem Bach entlang auf dem ansteigenden Forstweg. Ab der Kofleralm steigt es steil durch den Lärchenwald an. Spitzkehre an Spitzkehre reiht sich, erschwerend und ermüdend für die Spurleger ist die Schneemenge. Ein Holzzaun erfordert akrobatische Einlagen, die Hangneigung ein Abstand halten. Ab Waldgrenze bietet eine kleine Hütte etwas Schutz, um sich vor dem Gipfelangriff noch zu stärken. Trotz Harscheisen entscheidet der Tourenleiter umzukehren, auf den Gipfel zu verzichten, da erneut starker Wind und Nebel eingesetzt haben. Die Abfahrt durch den hohen Pulver ist für die einen Genuss pur, andere gehen die Sache etwas verhaltener an. Unfallfrei und zufrieden beschliessen wir den Tourentag.

LSV /Sicherheit

Noch nie in einer Tourenwoche haben wir so viel Gewicht auf die doch teilweise prekäre Lawinensituation und damit verbunden auf Sicherheit und Knowhow gesetzt. An jedem Tourentag haben wir einen Aspekt repetiert und anschliessend geübt. Sei es die Ortung eines Verschütteten mit dem LVS, sei es die ganze Organisation einer Suche und Rettung bei einem Lawinenabgang. Konkret musste man sich vor Augen führen, wie, was und wo zu handeln ist. Auch der Umgang mit der Sondierstange muss geübt sein, wie auch das richtige, kräftezehrende Schaufeln, um möglichst rasch den Verschütteten freizulegen. Froh und dankbar sind wir, nicht mit der Realität konfrontiert worden zu sein, sondern die Abläufe „nur" als Übung absolviert zu haben.

Trotz misslichem Wetter mit wenig Sonne haben wir rundum eine bereichernde Woche erlebt. Die Moral und Motivation war hoch, auch dank den umsichtigen und souveränen Tourenleitern, die aus dieser Woche das Beste herausgeholt haben. Hansruedi Minder gebührt ein spezielles Merci, war das doch seine letzte Tourenwoche in leitender Funktion.