„Sönd wöllkomm“ mit diesem sympathischen Gruss werden drei Dutzend wanderaffine Seniorinnen und Senioren des SAC Huttwil im geschichtsträchtigen Hotel zur Krone bei Susanne und Hans Heim in Gais  (915  m) empfangen. Mitten im denkmalgeschützten Dorfplatz fühlen wir uns heimisch und wissen sofort: Gais ist die Destination für aktive, begeisterungsfähige Senioren, nichts für Klethi und Plethi.

Hans-Ueli Sommer und Robert Zwahlen geben sich als langjährige Tourenleiter erneut die Ehre. Wie immer ist alles facettenreich ausgefeilt und raffiniert zurecht gelegt. Sie zeigen, wie man richtig die Kurve kriegt und sie wissen genau, wie weit man zu weit gehen darf. Eine kurze Schnuppertour am Ankunftstag über den Sammelplatz in der näheren Umgebung von Gais bestätigt es. Das Appenzellerland bedeutet abwechslungsreichen Naturraum für aktive Geniesser und anspruchvolle Senioren.

Am zweiten Tag schnellt mit dem Hausberg Gäbris (1251 m) das Gefühlsbarometer rapide in die Höhe. Ein reizvolles Wechselspiel  von sanften Hügeln und naturbelassenen Wäldern mit dem idyllischen Gäbrisseeli, umgeben von harmonischen Ortsbildern, geben viele Eindrücke, die man im eigenen Tempo erleben kann. Auf dem Gipfel tauchen wir ein in ein einzigartiges Ambiente mit der einmaligen Sicht auf Säntis, Altman, hoher Kasten im Süden, Bodensee, Trogen, Teufen im Norden und dies alles erst noch ohne Eintritt. Beim Abstieg kündigt sich im Westen der prognostizierte Wetterumbruch an, doch bei der Hotelankunft schalten alle den Alltag ab und jeder wählt individuell seinen Ferien-Modus.

Regen, Gewölk und Wind wecken uns am dritten Tag. Beim Frühstück nörgelt jede und jeder über das Wetter, aber keine und keiner tut etwas dagegen. Per Eisenbahn geht’s nach Appenzell und Jakobsbad, danach für die einen zu Fuss, für die anderen per Luftseilbahn auf den Kronberg (1683 m). Eine reiche Flora und Fauna, Moose, Flechten und Farn, Vogelgezwitscher hüben und drüben begleiten uns, und die Erhabenheit der Appenzeller Bergwelt tut sich auf. Die frische Brise hat zwar noch Gänsehaut-Potenzial, doch das Wetter bessert sich zusehends. Fernab vom modernen Wellness-Hype kehren wir über die Scheidegg in unser Hotel zurück.

Am vierten Tag sind wir bereits weit weg von zu Hause und so wie sich Conny auf dem Kronberg geoutet hat, fühlen wir uns auch: „fot ond glich dehem“!  Mit dem heutigen Tagesziel auf dem hohen Kasten (1795 m) ahnen es alle. Die Königsetappe ist das Beste, Besseres kommt nicht nach. Mit der Bahn geht’s nach Appenzell und Weissbad, mit Postauto nach Brülisau und mit der Seilbahn auf den hohen Kasten für die einen, für die anderen wird zu Fuss über das Plattenbödeli zur Bollenwees (1470 m) marschiert. Alles überzeugt auf der ganzen Linie. Der Aufstieg über Staubern kostet vieles, doch wir machen keine Halbsachen. Atemberaubend sind die Gipfelaussichten, doch eigentlich ist es ein Widerspruch, denn die klare Luft lässt das Blut noch schneller fliessen. Wir kehren über den Fälen- und Sämtisersee in einem schattigen Wald glücklich zurück. Nach dem erlebnisreichen Tag draussen in der Natur werden wir am Abend von freundlichen Gastgebern mit regionalen Köstlichkeiten verwöhnt.

Die Natur ist am fünften Tag für alle nicht Kulisse, sondern ein echter Trainingspartner. Früh am morgen, bevor es über Appenzell und Wasserauen auf die Ebenalp (1644 m) zu Fuss oder Seilbahn via legendärem Wildchirchli zum Schäfler (1923 m) geht, bekommen die Berge ringsherum langsam Konturen, gehen von einem Violett in sanftes Orange über. Dann schafft es die Sonne über die Gipfel und taucht alles in gleissendes Licht.  Ein veritables Gespür ohne Schnickschnack. Wir legen eine Rast ein, blinzeln in die Sonne und geniessen das Prickeln auf  der Haut. Die bunten Wälder, die variantenreichen Alpenblumen sowie der smaragdgrüne Seealpsee sind echte Geruchs- und Farbexplosionen. Die beste Zutat für das Wohlbefinden am Abend ist neben der auserlesenen Küche das überraschende Gastkonzert des Frauenchors von Gais.

Der sechste und letzte Tag bringt uns erneut auf den hohen Kasten (1795 m) wie vor zwei Tagen und doch anders, einfach ein ganz grosses Naturkino. Mit dem Kamor (1751 m), Resspass (1309 m) und Fähnerenspitz (1506 m) nach Eggerstanden (892 m) zurück nach Gais heben alle trotz Bodenständigkeit ab und geraten erneut ins Schwärmen. Bei der Mittagsrast auf dem Fähnerenspitz sitzen und liegen wir da und denken einfach an nichts. Alles erste Liga, keine Extravaganzen, kein Rambazamba. Begleitet vom Duft von Alpenkräutern und Blumen geniessen wir den Frischekick für Körper, Geist und Seele. Wir lassern uns voller Eindrücke über den Hirschberg ins Hotel Krone gleiten. Das Nachtessen ist wie immer ein wahres Schlüsselerlebnis mit Esprit.

Am Schlussabend feiern wir in der Krone mit den Einheimischen eine „Heuerledi“, umrahmt von der Kapelle „Quöllfrisch“.  „Heuerledi“ war früher der Anlass, an dem der Abschluss der Heuernte mit den Beteiligten gefeiert wurde. Wir wollen keineswegs abseits stehen und schwingen leidenschaftlich unser nimmermüdes Tanzbein. Das Appenzellerland, da sind sich nach diesen Tagen alle einig, ist wunderbar wanderbar. Hans-Ueli und Robert  offerierten uns Auf- und Abstiege, die in jedem Fall neue Massstäbe im Tourendesign setzen. Wir zeichnen sie aus mit der Bestnote, denn es war kein Weitwandern, sondern echtes Genusswandern mit veritablem Mehrwert.
Vielen Dank für alles, vor, während und nach der Wanderwoche.                                                                                                         

Andreas Pfammatter