Auf Schneeschuhen über einsame Jurahöhen

26 Seniorinnen und Senioren des SAC Huttwil reisen am 28. Januar 2019 mit Schneeschuhen im Gepäck für vier Tage in das auf rund 1000 m.ü.M. gelegene Vallée de Joux. Das stille Hochtal mit seinen Dörfern und seinem See liegt eingebettet zwischen dem Grand Risoux auf der Westseite und den waadtländer Jurahöhen auf der Ostseite. Der Grand Risoux ist laut Wikipedia der grösste zusammenhängende Wald Europas und bildet im Vallée de Joux auch die Grenze zu Frankreich.

Am Anreisetag erreichen wir kurz vor Mittag den Col du Mollendruz, dem Ausgangspunkt der ersten Tour. Die Schneeschuhe sind rasch montiert und wir stapfen ins weite, hügelige Gelände hinaus, Richtung Pré de Joux. Der Himmel ist leicht bedeckt und taucht die grosszügige Pulverschneelandschaft in ein ruhiges Grau-Weiss. Die drei Männer, welche an der Spitze gehen und für die nachfolgende Gruppe im ca. 40 cm tiefen Pulverschnee spuren, leisten Schwerarbeit. Bei Grand Boutavent kehren wir um und halten wieder westwärts, Richtung La Breguette. Nach rund 3 Stunden schliesst sich auf dem Col du Mollendruz unsere Rundwanderung. Zügig fahren wir nun Le Sentier und dem Hotel Restaurant Bellevue le Rocheray entgegen, unserem Wohnort für die nächsten vier Tage.

Der Zimmerbezug sorgt für ein paar lange Gesichter. Die meisten Doppelzimmer sind nicht, wie wir es uns in der Deutschschweiz gewohnt sind, mit entweder zwei

nebeneinander stehenden Betten oder, im Falle einer Doppelmatratze, mit zwei Decken ausgestattet. Das führt zu ein paar Rochaden im Sinne von "wer hat zwei separate Betten und würde mit uns das Zimmer tauschen?" Schliesslich haben alle, was sie für einen gesunden, tiefen Schlaf brauchen: entweder ein Zimmer mit zwei Betten oder zumindest zwei Decken im "grand lit".

Vor dem Nachtessen schlagen unsere Tourenleiter Robi und Paul vor, für die Spurarbeit der kommenden Tage eine sogenannte Büffelgruppe, bestehend aus etwa acht Männern und Frauen mit guter Kondition, zu bilden. Namen fallen, die Spurgruppe ist rasch beisammen und das von der französischen Küche inspirierte, feine Nachtessen kann serviert werden.

Dienstag, 29.01.2019:

Die heutige Tour hinauf, zum südlich des Mont Tendre gelegenen Pkt. 1602 (Grand Cunay), starten wir bei einem Parkplatz an der Passstrasse zum Col du Marchairuz. Angesichts des strahlenden Wetters prophezeit uns Robi, wir würden oben auf der Höhe ob der grandiosen Rundsicht vom Säntis bis zum Mont Blanc aus den Schneeschuhen kippen. Aber bekanntlich kommt es manchmal anders, als man denkt. Vorerst jedoch legen wir jauchzend und frohlockend ob der in der Sonne glitzernden und glänzenden weissen und einsamen Pracht unsere Spur in den jungfräulichen Pulverschnee. Die Büffelgruppe funktioniert bestens und zwar so, dass eine Person immer nur kurz zuvorderst die schwerste Spurarbeit leistet, um bei den ersten Müdigkeitserscheinungen beiseite zu treten, dem folgenden Spurer die Spitze zu überlassen und nun als letztes Gruppenmitglied wieder zu Kräften zu kommen für den nächsten "Fronteinsatz". Wir durchwandern eine Märchenwelt. Der viele Pulverschnee hat die locker stehenden Tannen in Fabelwesen verwandelt. Was gibt es da nicht alles zu entdecken! Das kleine, dick verschneite Tännchen zum Beispiel erinnert mit seinen drei oben aus dem Schnee guckenden Zweigen an ein Marsmenschlein mit Antenne. Drei nebeneinander stehende Tannen, mit ihren vom Schnee leicht gebeugten Spitzen, werden flugs "Drei betende Nonnen" getauft. Und dort drüben - diese buckeligen Gebilde sehen doch aus wie ein paar Kücken!

Vor lauter Winterglück ignorieren wir lange die aufziehende Bewölkung. Oben bei Pkt. 1602 angekommen, finden wir uns in dichtem Nebel wieder, einzig der benachbarte Mt. Tendre ist schemenhaft zu erkennen. Da es ohnehin nicht mehr viel zu sehen gibt und um weitere Spurarbeit zu vermeiden, wird beschlossen, auf demselben Weg wieder retour, an die Passstrasse zu wandern. Unterwegs machen wir bei einer schlichten Holzerhütte mit dem klangvollen Namen Refuge du Bois Carré, wo wir beim Aufstieg bereits bequem Znüni gegessen haben, Mittagsrast. Nach rund 4 1/2 Stunden erreichen wir wieder den Parkplatz und kehren zufrieden in unser Hotel zurück.

Mittwoch, 30.01.2019:

In der Nacht tobt ein Schneesturm, der sich erst im Laufe des Vormittags legt. So sind nach dem Morgenessen Jassen und andere Spiele angesagt. Unterdessen begeben sich unsere Tourenleiter zum Tourismusbüro und fragen nach, ob unsere Gruppe ausnahmsweise heute auf den vielen menschenleeren Loipen wandern dürfe oder ob allenfalls ein Winterwanderweg für uns gespurt würde. "Non, non", heisst es. Würden wir beim Wandern auf der Loipe erwischt, bekämen wir ein grösseres Problem und auch das Spuren eines Winterwanderweges sei nicht möglich, die Schneeräumungsequipen hätten mit den Strassen genug zu tun. Dafür wird eine Wanderung auf dem Spazierweg, der rund um den Lac de Joux führt, empfohlen.

Da unser Hotel "Le Rocheray" direkt am See und somit an besagtem Spazierweg liegt, nutzen wir diese Möglichkeit und wandern dem See entlang, über L'Arcadie, La Golisse und weiter, auf einem tückischen Holzsteg über den am südlichen Ende des Sees anschliessenden Sumpfgürtel, nach Bas de Bioux. Das Problem des Holzsteges besteht darin, dass dieser wegen des vielen Schnees praktisch nicht mehr sichtbar ist. Das führt dazu, dass die zuvorderst gehende Person nicht jeden Richtungswechsel des Steges rechtzeitig wahrnimmt und unverhofft neben dem Steg im ca. 1 Meter tiefen Pulverschnee versinkt. Dieses unberechenbare Versinken finden nur die Zuschauenden lustig, so dass schliesslich Häuptling Adlerauge, alias Robi, mit seinem guten Gespür für die Wegführung, an die Spitze befohlen wird.

In Bas de Bioux entdecken wir auf dem gegenüber liegenden Seeufer unser Hotel. Nachdem wir am Vortag Spaziergänger auf dem zugefrorenen See entdeckt haben, glauben wir zuerst, über den See direkt zum Hotel wandern zu können. Leider flattert überall am Seeufer die rote Fahne, welche "See betreten verboten" signalisiert. Mit dem Schneesturm ist auch die Temperatur gestiegen. So kehren wir auf demselben Weg, wie wir gekommen sind, zum Hotel zurück.

Donnerstag, 31.01.2019:

Am Heimreisetag kommen wir nochmals in den Genuss einer Tour durch den locker stehenden Märchenwald. Wir starten ab dem selben Parkplatz wie zwei Tage zuvor, zu einer Tour von rund 3 Stunden, jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Zuerst folgen wir quer durch den Wald des Grande Rolat bequem einer halb zugeschneiten Skispur, welche bei einer Forsthütte bei Pkt. 1346 jedoch endet. Danach gelangen wir, einem tief verschneiten Weg folgend, hinaus aus dem Wald und über die Ebene von Couvert, zur Alphütte "La Sèche des Amburnex", welche von weitem wie ein grosser, weisser Buckel wirkt, denn der Schnee rund um die Hütte reicht beinahe bis zum Dach. Stehend verspeisen wir das letzte Pic-nic dieser Schneeschuhtage und machen uns dann auf den Rückweg, ein letztes Mal diese unglaubliche stille Einsamkeit geniessend. Unbeweglich stehen die Tannen in ihrem dicken Schneekleid in der weissen Landschaft, kein Vogel zwitschert, kaum Tierspuren sind zu sehen - es ist, als stehe die Welt hier still.

Diese glücklichen Tage im Waadtland verdanken wir den Organisatoren und Tourenleitern Robi Zwahlen und Paul Schenk, welche die Routen im Sommer zuvor zu Fuss und auf dem Bike erkundet haben, sowie den Chauffeuren Paul, Willy und Samuel, welche uns bei teilweise schwierigen Strassenverhältnissen immer sicher von Ort zu Ort gefahren haben. Euch fünf Männern ein riesiges merci beaucoup und Dankeschön!

Helen Baumann