24. – 28. Juli 2015 Hochtouren Dent Blanche und Zinalrothorn 

Freitag 24. Juli: Aufstieg in die Rossierhütte
Nachdem im Vorjahr die Tour (nach dem Aufstieg am Freitag zur Hütte und am Samstag wieder auf dem gleichen Weg ins Tal) wegen Schneefalls abgebrochen werden musste, sollte es in diesem Sommer gelingen.  So hoffen die fünf Teilnehmer, die sich im Zug bis Visp nach und nach finden. Mit vorzüglicher Verbindung erreichen wir  bis knapp nach 10 Uhr den Weiler Salay-Ferpècle und nach dem Halt bei der bereits bekannten Henriette im „Petit-Paradis“ nehmen wir den langen Weg hinauf zur Cabane Rossier / Dent Blanche (3507m) unter die Füsse. Der Weg ist noch im Gedächtnis, sogar die Pausenplätzli sind noch dieselben wie vor einem Jahr. Der Aufstieg kommt mir wohl deshalb kurzweiliger vor. Je weiter wir steigen, desto eindrücklicher zeigen sich die ersten Viertausender. Aber die extreme Ausaperung der Gletscher ist augenfällig. Die befürchtete Sommerhitze bleibt zum Glück heute aus, ein laues Lüftchen begleitet uns. Wir kommen gut voran, und wir können damit rechnen, dass uns das aufziehende Gewitter nicht vor der Hütte einholt.
Die freundliche und zuvorkommende Hüttenwartin empfängt uns mit einem Will-Komm-Tee und weist uns ein. Platzmangel besteht nicht am Freitag. Ein schmackhaft zubereitetes Pastetli stillt uns den Hunger, während dem draussen nun das Gewitter losbricht und sich Regen sogar mit Graupel und Schnee vermischt. Am Plan für morgen wird trotzdem nichts geschraubt. Wir wünschen uns gegenseitig eine gute Nacht, um die Unsicherheit von wegen Schlafqualität auf über 3500 m Höhe zu verdrängen.  

Samstag, 25. Juli: Versuch Dent Blanche
Ich für meinen Teil habe aussergewöhnlich gut geschlafen. Der erste Blick um 4 Uhr nach draussen bestätigt den mitternächtlichen Eindruck: Wetter gut, Sternenschein, leichter Wind und … halt leider mit Schnee überzuckertes Gelände! Überzeugt, dass sich der Schnee mit der Sonneneinstrahlung rasch verflüchtigen wird, steigen wir nach dem bescheidenen Frühstück gleich hinter der Hütte auf Richtung Wandfluhlücke. Dort stellen wir fest, dass die Schneehöhe mit der Meereshöhe zunimmt. Mit Steigeisen unter den Sohlen steigen wir in der abgründigen linken Flanke weiter auf bis zum eigentlichen Beginn des Südgrates. Erstes Wer-weisen, ob wir umkehren sollen. Nein, wir geben uns anders als zwei andere Seilschaften noch eine Chance und umgehen als erste Schlüsselstelle den grossen Gendarme. Oft bis zur halben Wadenhöhe im Schnee einsinkend müssen wir einsehen, dass der Aufstieg zu unsicher und zeitaufwändig würde und wir kehren auf 4100 m um.
Wir haben da auch noch den zwangsläufigen Hüttenwechsel vor uns, denn die Rossier-Hütte kann uns heute abend nicht mehr aufnehmen. Die Wegfindung von der Wandfluhlücke hinunter auf den Schönbielgletscher gestaltet sich schwierig. Das Gelände scheint durch die allgemeine und die heurige Ausaperung nicht mehr der Beschreibung zu entsprechen. Die 4-5 Steinmannli stehen auch nicht gerade dicht gedrängt. Aber mit vereintem Spürsinn und einem kleinen Wiederaufstieg finden wir doch noch einen geeigneten (Aus)weg aus dem ungemütlichen Gelände, wo sich scheinbar jeder Stein der Belastung durch einen Schuh mit Ausweichen entziehen will. Ein Abseilmanöver, bestens vorbereitet von Heinz und Fred, bringt uns zum Schrund und auf den Gletscher. Die Zeit ist weit fortgeschritten und Fritz meldet bei der Schönbiel-Hütte unser verspätetes Eintreffen wohlweislich an. Die Schwierigkeiten sind gemeistert. Nun beginnt noch die Ausdauerübung über Gletscher und Gestein und nach über 13-stündigem Unterwegs-Sein erreichen wir die überfüllte Hütte auf 2694m. Aber das verspätete Abendessen klappt ausgezeichnet und wir freuen bei einem Schlummerbecher.Bier auf den morgigen Tag.

Sonntag, 26. Juli: „Gemütlicher“ Hüttenwechsel
Wir lassen es heute ein Weilchen länger liegen, denn es ist ja nur ein lockerer Hüttenwechsel angesagt. Nach dem Morgenessen ist vorgesehen, auf der linksseitigen Moräne des Zmuttgletschers abzusteigen, über Höhbalmen, die Höhe möglichst zu halten und dann via Trift in die Rothornhütte aufzusteigen. Wir verstehen nicht ganz alles, was die japanische Touristengruppe bei unserem Vorbeimarsch meint, aber sie haben die Edelweisse entdeckt, die wie gesät am Wegrand blühen. Auf der wunderbaren natürlichen Aussichtsterrasse von Höhbalmen wird geruht, getrunken und gegessen. Heinz frägt mit der Karte in der Hand an,  ob wir statt in die Trift abzusteigen, eher den Weg über das untere Gabelhorn nehmen wollen. Es biete doch ein bisschen mehr als die Hüttenwege und Zeit hätten wir ja auch zur Genüge. Dem wurde in (mehr oder weniger überzeugender) Einigkeit zugestimmt. Also, auf geht’s in den „ghüderigen“ Grat des Gabelhorns. Ja, wie doch die Zeit vergeht: hier noch ein Türmli, da noch eine Traversierung, ein kurzer Abstieg vor dem nächsten Aufschwung. Heinz meldet aus dem Couloir links, dass hier der Übergang auf den Gletscher nicht gelingt. Fred ist im Couloir rechts auch nicht erfolgreich und soll ein paar Worte gebrummelt haben, die nicht druckreif seien. Zuletzt finden wir uns auf dem Doppelgipfel auf Höhe mit dem Kreuz (3393m) wieder und betrachten den Abstieg. Die Natur verhöhnt hier den Beschrieb im Führer. Die Ausaperung ist weit fortgeschritten und der Abstieg ist aus unserer Sicht auf der Normalroute nicht möglich. Ein  Gratausläufer führt uns in die steile Nordwand. In den Frontzacken der Steigeisen stehend und mit Eisschrauben gesichert arbeiten wir uns konzentriert nach unten. Nach der Umgeheung des Schrundes der Blick zurück: Zünftig stotzig, Potz ! Ja, einer muss halt wieder verspätetes Eintreffen bei der Hütte anmelden.  Über den Gabelhorngletscher, der sich uns mit den Seitenspalten entgegenstellt, gelangen wir erneut auf steiniges Terrain. Hier ist bestimmt noch nie einer gegangen, denn jeder Stein bewegt sich unter den Schuhen. Nun, im leichten Nieselregen nur noch den Aufstieg auf den flachen Kessel des Triftgletschers und dann….  Nein, hier muss der Weg im Spaltenlabyrinth richtiggehend gesucht werden. Fred beweist einen guten Riecher und führt die müde Gruppe gekonnt in die Rothornhütte (3198m). Ja, mit einer mehr als 12-stündigen Tour hätten wir am morgen nicht gerechnet, aber als alpines Erlebnis bleibt dieser Abstecher unvergesslich. Die vorgewarnte Hüttencrew versorgt uns zuvorkommend, während sich draussen der Wind aufbäumt und es stark zu regnen beginnt. Die Wettereinschätzung für morgen lässt uns trotz Müdigkeit noch aufbleiben. Morgen soll dann wirklich Ruhetag sein. 

Montag, 27. Juli: Hüttentag / Ruhetag
Wie sich die anderen Alpinisten um 4 Uhr früh für die heutigen Besteigungen aus den Schlafsäcken schälen, drehen wir uns gerne nochmals um. Unser Frühstück ist später angesagt. Draussen erwacht ein wunderbarer Morgen, aber ein eisiger Wind fegt um die Hütte. Wo finde ich ein windgeschütztes Eckchen, um die wärmende Sonne zu geniessen?  So lautet heute die Schlüsselfrage. Ruhen, gute Röschti essen und das atemberaubende Panorama bewundern. Immer wieder schweift der Blick auch zur Nordflanke des Gabelhorns, Von hier wirkt unsere gestrige Abstiegsspur eindrücklich. Kurz nach Mittag treffen die ersten Rückkehrer vom Zinalrothorn ein und erzählen von eisigen Winden und vereisten Stellen am Grat. Sie machen einen durchfrorenen Eindruck. Morgen werde es sicher besser sein. Auf das hoffen wir doch. Wiederum nach vorzüglichem Nachtessen treffen wir die letzten Vorbereitungen für den morgigen Aufstieg.

Dienstag, 28. Juli: Zinalrothorn
Wir sind nicht ganz die Ersten, die sich in der Dunkelheit des frühen Morgens östlich des Eseltschuggens auf den Weg machen. Über uns leuchten schon einige Stirnlampen auf. Beim steinschlägigen Ausstieg vom Rothorngletscher in den Fels kommt es nur zu kurzem Stau. Langsam beginnt sich die Lichterkolonne zu strecken und schon bald sind wir beide Seilschaften allein unterwegs. Wir kommen zügig voran und erreichen bei fast kitschigem Sonnenaufgang über den letzten Schneegrat den Südostgrat. Ein schuttbedecktes Couloir führt nun steinschlaggefährdet in die <Gabel>, wo sich der der Südwest- und der Südostgrat treffen. Die als Schlüsselstelle bezeichnete <Biner-Platte> fällt uns nicht besonders auf und teils an Eisenstangen gesichert erreichen wir das dominante Gipfelkreuz. Im Windschatten geniessen wir eine  einstündige Gipfelrast mit einem fast beängstigenden Tiefblick. Noch ein Gruppenbild auf dem Zinalrothorn (4221m)  und dann  geht es an den langen Abstieg ins Tal. Jetzt erst beim Abstieg beachte ich die Ausgesetztheit an der <Kanzel>  mit guten Tritten unter den Fussspitzen und hundertmeterweise Luft unter den Fersen. In der Rothornhütte machen wir nur kurzen Halt. Umso länger ruhen wir dann in der Trift bei einem erfrischenden Most. Hier lassen wir uns vom Wirt sagen, dass die Überschreitung des Gabelhorns, wie wir sie gemacht haben, pro Jahr nur etwa von 5 – 10 Bergsteigern gemacht  wird. Wen wundert’s ?!   Die über 2500 Höhenmeter Abstieg zeigen dann doch noch ein bisschen Wirkung mit müden Beinen, bis wir mit dem obligaten Spaghetti-Teller im Bahnhofbuffet Zermatt wieder auftanken können.

Wir dürfen auf einen aussergewöhnlich erlebnisreichen Bergausflug mit toller Kameradschaft zurückblicken, auch wenn nicht alle Gipfelziele erreicht wurden.

Tourenleiter und Seilführer: Heinz Güller

Seilführer: Fred Flückiger

Teilnehmer: Ueli Nussbaumer; Fritz Ammann; Robert Gerber (Berichter)